Die Spielregeln

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"Archaisch" ist abgeleitet von griechisch archê, "Anfang", und repräsentiert mithin einen ambivalenten Begriff, dessen Verständnis ganz davon abhängt, was Einer unter "Anfang" versteht. Ein Altphilologe wäre geneigt, unter archaischer Kosmologie die trümmerhaften Reste der jonischen Naturphilosophie zu verstehen, Keilschrift Sachverständige tendieren dahin, die sumerische Tradition für archaisch zu erklären, Ägyptologen Texte aus der Pyramidenzeit. Wir wollen unter archaischer Kosmologie die frühesten, wo auch immer aufzuspürenden Zeugnisse für einen Kosmos verstehen. Was nicht heißt, daß wir uns nur mit den allerfrühesten beschäftigen wollen.

Kosmos ist, wie archê, ein griechisches Wort und indiziert "Ordnung", richtige Einrichtung; das Verbum kosméô bedeutet, ein Heer in der angemessenen Schlachtordnung aufzustellen. Kosmos meint das Weltganze im Sinne eines Organons, innerhalb dessen alle Vorgänge gemäß aufeinander abgestimmten Regeln ablaufen, d.h. alle Teilvorgänge innerhalb des Weltganzen sind abhängig voneinander, wie sich das für ein Organon schickt. Einen Kosmos in dem spezifisch strengen Sinne, wonach alles und jedes nach Maß, Zahl und Gewicht numero, mensura, pondere geregelt ist, finden wir, soweit sich das bis jetzt feststellen läßt nur im sogenannten Hochkulturgürtel, also im alten Mesopotamien und Ägypten, in Iran und Alt Indien, in China und der mittelamerikanischen Hochkultur. Chronologisch besagt dies, daß der Kosmos stricto sensu, nämlich der "mathematische" Kosmos, um etwa 4000 v.Chr. konzipiert worden ist. Wenn wir Kosmos in einem weiteren Sinne fassen, und das meint, wenn wir nicht auf mathematischer Rigidität bestehen, sondern nur fordern, die Welt solle als ein Ganzes verstanden worden sein, dessen Teile abhängig voneinander funktionieren, so kommen wir in viel ältere Zeiten zurück, nämlich in die jüngere Altsteinzeit, das Jungpaläolithikum, auch Mittelsteinzeit geheißen, d i e Zeit, in der die Felsbilder von Altamira, Lascaux, Les Combarelles etc, gemalt worden sind.

Wie kann man derlei eruieren, wie lassen sich so kühne Behauptungen plausibel machen, wenn sie schon nicht realiter zu "beweisen" sind? Um diese grundlegende Frage zu beantworten, müssen wir ein wenig weiter ausholen, deutlicher gesagt, wir müssen ein paar Lockerungsübungen veranstalten, um Ihren Gedanken zu der wünschenswerten Flexibilität zu verhelfen, noch deutlicher gesagt, Sie müssen die Spielregeln zur Kenntnis nehmen, die das kosmologische Rekonstruktions Spiel überhaupt möglich machen. Regeln und Gebot sind meistens V e r bote, und mit unseren Spielregeln verhält es sich genau so; sie untersagen eine ganze Reihe von Denkgewohnheiten und Überzeugungen, die Ihnen, dank der von Ihnen genossenen Erziehung, schlechthin "natürlich" vorkommen, weswegen Sie sich ihrer garnicht bewußt sind. Und hier sind sie:

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§ 1. "Du sollst nicht", bzw, Sie sollen nicht wähnen, Ihre fernen Vorväter - ob es sich um die Maler von Altamira oder um die Begründer der Hochkultur handelt - seien von geringerer Intelligenz gewesen, als Sie selbst es sind, und Sie sollen sich nicht einbilden, einzig durch das Verfließen von Zeit seien Sie "bigger and better" scientists als Aristoteles oder Archimedes und deren Vorläufer. Die Zeit ist keine Rolltreppe, die jeden heutigen Erstklässler automatisch auf das Niveau des Aristoteles transportiert, vielmehr bleibt Aristoteles fürderhin ein so gewaltiges Phänomen, wie es in unseren Tagen äußersten Falles Einstein repräsentiert. Sie sollten sich an Stelle dessen vergegen-wärtigen, daß es allemal geniale Naturwissenschaftler waren, die den angemessen Respekt für unsere intellektuellen Vorfahren an den Tag gelegt haben, wie z.B. eben der Aristoteles, wie Galileo, Kepler, Newton und, in neuerer Zeit, wie Helmholtz und Schroedinger. Solche big shots wissen nämlich, wie schwer es fällt, die sog ."Natur" zu erforschen, die jeweils adaequaten Beobachtungen zu machen und die richtigen Fragen zu stellen, während Philologen und Historiker und, ärger noch, Psychologen und Soziologen, ungetrübt von jeglicher Sach- kenntnis, Einfaltspinsel oder promiskue Kannibalen an den Beginn unserer Kultur projizieren. Sie mögen einwenden, Sie hätten derlei nie verübt. Vielleicht haben Sie das tatsächlich nicht getan; Ihr Unterbewußtsein tut es Tag für Tag, womöglich ohne Ihr Zutun und sogar gegen Ihre Absicht. Was nicht Wunder nimmt, da Sie in gleichwelchem Lehr - und Handbuch fortwährend dahingehend belehrt werden X sei "einfacher" als Y, "primitiver" als Y, folglich sei X älter. Diese und ähnlich unzulässige Schlüsse sind gang und gäbe, seitdem im letzten Jahrhundert die Kulturphilosophen und Kulturhistoriker in Bausch und Bogen das strikt biologische Schema von der Evolution der Organismen sich aneigneten, um es ohne Hemmung auf die Geschichte der Kultur der einen unveränderten Gattung homo sapiens anzuwenden. Es bleibt zwar unbegreiflich, daß sich keine Protest-Stürme erhoben haben, als solcher Unfug angezettelt worden ist, aber es ist tatsächlich an dem: die massivsten Denkfehler werden am allerleichtesten übersehen.

§ 2. Gewöhnen Sie sich, eingedenk des § 1" ganz besonders ab" naturwissenschaftliche Meisterleistungen zu unterschätzen. Der unleugbare Umstand, daß Sie mit zahlreichen solchen Meisterleistungen seit dem ersten Schuljahr oder sogar seit dem Kindergarten vertraut sind, stempelt diese Errungenschaften und Erkenntnisse keineswegs zu "angeborenem", "natürlichen" oder "naheliegendem" Wissen, handle es sich um die Schrift, das Dezimalsystem, um Techniken wie Töpferei und Spinnerei, um Saiteninstrumente, Metallurgie, Ackerbau und vieles andere mehr.

Da jede Münze zwei Seiten hat, seien Sie gleichzeitig davor gewarnt, die wissenschaftliche Neugier des Normalverbrauchers aller Jahrtausende zu überschätzen. Der homo scientificus ist eine äußerst rare Subspecies der, spaßiger Weise, "homo sapiens" getauften Gattung, und an diesem betrüblichen Befund werden auch weitere 500 neu zu gründende Universitäten nichts ändern; das progressivste Labor mit den raffiniertesten Apparaturen verwandelt keinen einzigen schlichten homo sapiens in einen homo scientificus. Die Apparatur verhilft dem, der recht zu fragen weiß, zu passenden Antworten; mitnichten inspiriert sie gleichwelchen Otto Normalverbraucher zu sinnvollen Fragen. Dies aber nur nebenbei.

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Am folgenschwersten für die Bewertung und das Verständnis alter Kosmologie war und ist die Verkennung astronomischer Wunderleistungen. Wo immer Sie nachschlagen, wird Ihnen in mehr oder weniger poetischen Worten versichert, dem prähistorischen Ritzenschieber, dessen Auge sich sinnend an den "gestirnten Himmel über ihm" heftete, hätten die Planeten, sieben Stückg praecis schlechterdings nicht entgehen können, Sternbilder hätten sich ihm quasi aufgedrängt und dgl. mehr. Woher die Lehrbuch.Autoren wissen
a) daß der paläolithische oder neolithische kleine Moritz seine Augen sinnend erhob,
b)daß ihm dieses oder jenes nicht entgehen konnte, das bleibt freilich unerfindlich. Der Lehrbüchverfasser selbst hat solches jedenfalls nicht unternommen. Hätte er's getan, würde er keinen so unerhörten Unsinn zu Papier gebracht haben.

Auf Grund so nebuloser Vorstellungen vom Zustandekommen astronomischer Erkenntnisse wird unter den sog. Experten noch heute darüber gestritten, was denn wohl älter sei, die Astronomie oder die Astrologie; eine der jüngsten Antworten auf diese Frage laute sie seien gleich alt, und beiden liege zu Grunde der "Glaube an die Göttlichkeit der Planeten". Um die totale Unzulässigkeit dieser sog.Antwort sichtbar zu machen, bedarf es der Einführung des

§ 3. Es ist verboten, sich dem Wahne hinzugeben, früher sei es mit dem Denken anders hergegangen als heute. Erst wird man, wenn man ein gewitzter Knabe ist, auf ein Phänomen aufmerksam, dann erklärt man es versuchsweise mit einer oder mit mehreren denkbaren Hypothesen, dann beobachtet man das Phaenomen systematisch, alsdann baut man ein ernstzunehmende Theorie und formuliert Lehrsätze.Wenn diese Theorie erst einmal steht und für gut befunden wurde" findet sich ein Heer von Unberufenen, das die akzeptierte Theorie in irgendeine scheußliche Praxis umsetzt; immer aber kommen die Anwender später. Zu deutsch: den stetig wiederholten Behauptungen, denen zufolge "Priester" oder "Magier" für die alte Astronomie, bzw. Kosmologie, verantwortlich zeichnen, liegt die unsinnige Überzeugung zugrunde, früher seien alle Denkprozesse pfeilgrad umgekehrt verlaufen.

Beispielsweise versichert man Ihnen gerne, die 7- 9 sogenannten Himmels-"Schichten", die von sibirischen Schamanen erstiegen werden, seien älter als die Planetensphären der babylonischen Astronomie, aber keiner der nassforschen Versicherer wäre Imstande, irgendeinen zureichenden Grund dafür anzugeben, daß die Schamanen auf eine so absonderliche Idee verfielen; der Himmel sieht, beim Kronos, nicht so aus, als bestünde er aus "Schichten". Die Konzeption konzentrischer Kugeln oder Kreise wird nur möglich, wenn Sie
1) die Planeten ausfindig gemacht, 2) ihre Umlaufszeiten ermittelt, 3) sich dazu entschlossen haben, anzunehmen, sie alle liefen im gleichen Tempo um. Nur unter dieser Voraussetzung können Sie zu dem Schluß kommen, Saturn mit seiner Umlaufszeit von rund 30 Jahren müsse sehr viel weiter entfernt sein von der Erde als Mars mit seinen rund 2 Jahren, nun gar der Mond mit seinen rund 30 Tagen.

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Zu deutsch: strikt astronomische Erkenntnisse, gewonnen auf Grund systematischer Beobachtung und ingenieuser Hypothesen und Schlußfolgerungen sind die Voraussetzung für mehr oder minder nebulose "Glaubens"- Lehren wie eben die von den diversen Himmelsschichten, und ganz allgemein: gleichwelche Astrologie setzt solide astronomische Kenntnisse voraus, das ist schlechterdings denknotwendig, weil wir, wie nicht oft genug betont werden kann, es ab dem Jungpaläolithikum mit unserer ureigenen Spezies homo sapiens zu tun haben.

Irreführender noch: die Lehrbücher lieben es, "Zwecke" zur Ursache von Entdeckungen und Erfindungen zu machen. Die Erfindung des Ackerbaues etwa, so lesen Sie wieder und wieder, habe einen gut funktionierenden Kalender notwendig gemacht. Sie werden gebeten, sich dieses Ereignis leibhaftig vorzustellen. Da waren denn also "Primitive" zugange, die bislang außerstande gewesen waren, die Längen von Monat und Jahr ausfindig zu machen. Als der Ackerbau erfunden war - natürlich dank des deus ex machina, genannt Evolution - versammelten sich Priester und Medizinmänner und bekundeten ihren Entschluß, es sei nunmehr höchste Eisenbahn, einen passenden Kalender auszuarbeiten. Man wüßte ja gerne, was die Herren auf die Tagesordnung gesetzt haben: "Erfindung des Kalenders" vielleicht? Woher konnten sie wissen, daß es dergleichen gibt, von wannen kam ihnen das passende Wort, und was befugte sie zu dem Vertrauen, solch Kalender würde dem Ackerbau förderlich sein? Und, so fragt man sich, wie konnte der Ackerbau überhaupt stattfinden, bevor sich die priesterlichen Einfaltspinsel zur Anfertigung eines bisher unbekannten Zeit-regelnden Instrumentes aufrafften, aus dem sich dann angeblich die Astronomie soll entwickelt haben, w e n n ein Kalender wirklich von so entscheidender Wichtigkeit für die Agrikultur sein sollte. Was er natürlich nicht ist; ein fixierter Kalender ist wichtig zum Eintreiben von Steuern.
Ähnlich dummdreiste Behauptungen sollen die Erfindung der Metallurgie erklären. Die wird gerne hergeleitet aus dem Bedürfnis nach stärkeren Waffen und tauglicheren landwirtschaftlichen Geräten. Sobald Sie solch allgemein akzeptiertes Prinzip zur Erklärung heutiger, Ihnen vertrauter Vorgänge heranziehen, gewahren Sie dessen ganze Unsinnigkeit. Ein Beauftragter der Rüstungsindustrie wäre demnach bei Otto Hahn aufgekreuzt und hätte gesagt:"Sie, hör'n Se mal, wir brauchen Atombomben", worauf Hahn erstmalig auf den Gedanken verfiel, sich mit dem Innenleben von Atomen zu beschäftigen. Sie möge sich auch ausmalen, das ganze Regierungs- und Wirtschaftssystem der Sowjet Union sei just so, von der Evolution hervorgebracht worden, und eines Tages hätte der Oberste Sowjet beschlossen, Karl Marx und Friedrich Engels mit der Anfertigung einer in das System eingepaßten Philosophie, speziell einer adäquaten Geschichtsphilosophie zu beauftragen. Weitere Absurditäten können Sie sich selbst ausdenken.

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§ 4. untersagt die Anwendung unpräziser Worte generell, in allererster Linie solcher Bezeichnungen wie Religion, Priester, Schamane, Fetisch, magisch, numinos, mystisch und natürlich, Symbol, symbolisch usf.. Weil Sie sich nämlich unter keinem dieser Worte etwas Konkretes, sauber Definiertes vorstellen; bestenfalls beschleichen Sie "dunkle", wenn nicht gar "tiefe" Ahnungen und Empfindungen, wenn Sie solche Worte hören. Religion speziell ist darum ein so irreführender Begriff, weil wir nolens volens "0ffenbarungsreligion" assoziieren und anheben, mit den Verben "glauben" und "glauben an" herumzuwirtschaften. Weder Offenbarung, noch "glauben an" haben etwas mit archaischer sogenannter "Religion" zu schaffen. Die Religion alter Kulturen ist angewandte Kosmologie. Daß dergleichen Sprach-schlampereien kontinuierlich verübt werden, ist die Folge der Nichtberücksichtigung des

§ 5. Halten Sie sich bewußt, daß sich mathematische, astronomische, physikalische usw. Probleme nicht so mir nichts dir nichts formulieren lassen, sondern ausschließlich mittels einer technischen Sprache, einer ausgearbeiteten spezifischen Terminologie. Das ist keinesfalls abgefeimte Tücke moderner Naturwissenschaftler, sondern liegt in der Natur der Sache beschlossen. Eine wissenschaftliche Fachsprache zu prägen, ist je doch alles andere eher denn eine Lappalie, eine Einsicht, die Ihnen eigentlich geläufig sein sollte; es sei denn, Sie hätten, sich noch nie darüber gewundert, daß alle unsere Wissenschaften griechische Namen tragen, daß unser Schulunterricht in Geometrie in wortwörtlichen Übersetzungen des Euklid besteht. Die Griechen haben Naturwissenschaf und Philosophie schwerlich erfunden, aber sie haben das Wunderwerk vollbracht, das sprachliche Vehikel zu erarbeiten, mittels dessen sich mathematische, akustische, physikalische, astronomische etc. Phänomene beschreiben und definieren lassen. Wenn Sie Näheres über diesen Prozeß der Prägung der Fachsprache erfahren möchten, rate ich ihnen, sich gelegentlich in das opus von Arpad Szabó zu vertiefen: "Anfänge der griechischen Mathematik" (München: Oldenbourg 1969).

Sobald Sie sich der Unabdingbarkeit einer Fachsprache bewußt geworden sind, werden Sie aufhören, über Formeln und Sprachbilder hinwegzulesen, wie das die Schriftgelehrten zu tun pflegen, vielmehr auf Fachjargon gefaßt sein, auch wenn er total anders ausschaut oder sich anders anhört als der heutige, an den wir gewöhnt sind. Sie werden dann z.B nicht mehr sagen: die alten Inder, oder wer auch immer, glaubten nämlich, die Erde sei rechteckig, sondern Sie werden vorziehen zu sagen: altindischer Formulierung gemäß ist die Erde rechteckig, und sich dann daran machen, herauszufinden, was denn da formuliert worden ist. Bei der rechteckigen Erde handelt es sich um die gedachte Ebene durch die Jahrespunkte, also um einen Ausschnitt aus der Ekliptik-Ebene, begrenzt durch die Konstellationen, die an den beiden Äquinoktien und den beiden Solstitien heliakisch aufgehen.

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Sie begreifen, denke ich, wie gründlich Sie sich den Weg zu jeder Einsicht verstellen, wenn Sie allemal auf das verkehrte Verbum "glauben" ausweichen, sobald Sie nicht verstehen, wovon jeweils die Rede ist; und Sie begreifen, daß die Neigung, eben dieses Verbum zu benutzen, eine logische Folge des Glaubens - hier paßt das Wort -, des Glaubens an kulturelle Evolution sei: der absurdeste Nonsense ist immer noch gut genug, um ihn unseren fernen Vorvätern als "Glauben" in die Schuhe zu schieben. Haben Sie sich erst einmal daran gewöhnt, an Stelle dessen das Verbum "formulieren" zu verwenden, so lernen Sie langsam aber sicher, die richtigen Fragen zu stellen. Was beileibe nicht heißt, daß sich die richtigen Antworten prompt finden ließen, nur allzu oft tun sie das nicht.

Die gemeinte Fachsprache der Kosmologie ist, wie Sie im Zweifelsfall längst erraten haben, der Mythos, Bei dem Umgang mit dem mythischen Jargon sind nun aber weitere Gesetzesparagraphen zu berücksichtigen, deren wichtigster lautet:

§ 6. Thou shalt not commit Euhemerism. Sie sollen sich nicht so dumm anstellen wie der griechische Professor Euhemeros aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert, nach den eine besondere Art der Mythen-Interpretation getauft worden ist. Euhemerismus nennt man die Theorie, dergemäß alle Figuren des Mythos, Götter, Heroen etc. ursprünglich verdienstvolle homines sapientes gewesen sein sollen, die von dankbaren Nachfahren im nachhinein "vergöttlicht" wurden. Der wackere Plutarch hat in seinem Buch über Isis u Osiris dem Finsterling Euhemeros schon frühzeitig die gehörige Abfuhr erteilt, aber die plattesten Theorien sind meistens die populärsten, und so lebt der Euhemerismus fort und fort. Ich möchte den Begriff Euhemerismus hier erweitern. Lassen Sie uns unter Euhemerismus jedwede Theorie verstehen, die den Mythos als Geschichte im weitesten Sinne interpretiert, d.h. jede Theorie, die Mythen als Berichterstattung über singuläre, ein einziges Mal nur stattgehabte Ereignisse deutet. Auf diese Weise können wir nämlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, die Euhemeristen im engeren Sinne und die Katastrophen-Apostel, unter denen Velikovsky am meisten von sich reden machte und das in Amerika auch weiter tut, weil, um es zu wiederholen, die plattesten Theorien nun mal die er folgreichsten sind. Nicht etwa, daß auch nur der geringste Zweifel daran bestehen könnte, daß es innerhalb und außerhalb des Planetensystems Katastrophen jeden erwünschten Ausmaßes gegeben hat: der Mythos indessen nimmt von ihnen keine Notiz. Der Mythos erzählt die Struktur des Kosmos, er handelt ausschließlich von periodisch wiederkehrende Phänomenen; singuläre Geschehnisse spielen keine Rolle, seien es Naturkatastrophen, sei es das Auftreten herausragender Individuen. Die "Funktion", wenn ich so sagen darf von Naturkatastrophen und von menschlichen Abenteuern und Unternehmungen" ist, daß sie die Sprachbilder hergeben, deren sich der Mythos bedient" um den Kosmos darzustellen, M.a.W. die archaische Fachsprache ist, anders als unsere Formeln, aus der täglichen Umgangssprache abgeleitet. Planeten werden geboren, heiraten, geraten auf Abwege, ziehen in den Krieg, sterben und dgl.. Katastrophen und Erdbeben dienen zur Ausmalung der Wirkungen der Präzession der Äquinoktien. Eben dieser Umstand hat, beinahe zwangsläufigläufig, zu den vielen Fehl-Interpretationen des Mythos geführt.

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Die Einwände, die Ihnen auf der Zunge liegen, sind mir nicht unbekannt. Raffen Sie aber zunächst Ihren common sense zusammen und besinnen sich auf normale, empirische Menschenkenntnis. Behält der homo sapiens tatsächlich Naturkatastrophen und Kriegsereignisse im Gedächtnis? Sie können mit eigenen Augen und Ohren tagtäglich beobachten, daß ihm das gar nicht einfällt; ganz im Gegenteil, er scheut keine Mühe, jedwede Katastrophe so schnell wie nur eben möglich zu vergessen. Erinnern Sie mich nicht mit erhobenem Zeigefinger an das Erdbeben von Lissabon 1755. Davon lernen die Franzosen in der Schule, weil Voltaire erschüttert war, und wir, weil der Knabe Goethe sich schwer betroffen zeigte; beide sind Gegenstände der Literaturgeschichte, und weder mythische Figuren noch Mythographen. Und wenn wir unter den zurecht so berühmten Kathederblüten des Gothaer Studienrates Galetti (1750 1828), deren eine lautet: "Ja, da darf man nur an den Vesuv denken, um zu wissen, wann Plinius gelebt hat", so kann man nur sagen: umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wir wissen von dem Vesuv-Ausbruch vom Jahre 79 n.Chr, weil wir im Gymnasium gelernt haben, daß Plinius bei dieser Gelegenheit zu Tode gekommen ist. Weder das Faktum vom Tode des Plinius, noch der Umstand, daß wir solches im Gymnasium gelernt haben, hat irgendwas mit Mythos zu tun. Der geradezu fürchterlich folgenschwere Ausbruch des Krakatau im Jahre 1883 hat in keiner Mythologie aller schwer betroffenen Südostasiaten gleichwelche Spuren hinterlassen.

Was historische Ereignisse anlangt, sei hier ein casus erwähnt, der längst hätte genüg müssen, um dem Euhemeros den Garaus zu machen. Es gibt nämlich wirklich eine einzigartige Kombination, die erstrangige mythische Konsequenzen hätte zeitigen müssen. Der einflußreichste "Weise" des Abendlandes hatte, historisch verbürgt, einen zureichend gewaltigen Feldherrn und Eroberer zum Schüler: Aristoteles nämlich Alexander den Grossen. Das mythische Echo müßte uns schlechterdings betäuben, wenn es ,rechtens' herginge im Sinne des Euhemeros. In der Realität hingegen verhält es sich so, daß in den beinahe unzähligen Versionen und Übersetzungen des sog. Alexander-Romans der Aristoteles mitunter erwähnt wird, und daß ein Romankapitel den Titel trägt "Brief Alexanders an Aristoteles über die Wunder Indiens", aber im Roman sieht Aristoteles diesem oder jenem Zadiq ähnlich, beileibe nicht dem Aristoteles. Der Alexander-Roman verbindet seinen Helden mit Henoch, mit Elias, Chadhir und anderen mythisch ausgewiesenen Persönlichkeiten; es ist erstaunlich genug, daß der schiere Name des Aristoteles in vielen Versionen erhalten geblieben ist. Und Alexander selbst hat im Roman mit dem Makedonier Alexandros ungemein wenig zu tun: er ist vielmehr ein aufgewärmter Gilgamesh.

Tatsächlich verhalten sich die Dinge in Wirklichkeit umgekehrt, und nicht so, wie die Euhemeristen es haben wollen: die mythischen Typen prägen weltliche und geistliche Herrscher, insofern sie kontinuierlich die Kriterien zu deren Beurteilung bereitstellen. Was ein eminenter Kaiser bestenfalls erreichen kann, ist, daß für ein paar Jahrzehnte, ausnahmsweise sogar Jahrhunderte, die fix und fertige Figur des "guten" Kaisers seine Namen trägt, oder aber falls er ein Musterschurke war, daß der erzböse Widersacher unter dem kaiserlichen Namen umläuft:

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in keinem Falle bleibt von dem Charakter des wirklich gelebt habenden Individuums irgendetwas erhalten. Von "uns" nimmt der Mythos beleidigend wenig Notiz. Das kränkt ja nun erst mal, und in unserem Jahrhundert, in dem wir's doch so herrlich weit gebracht haben, mehr denn je. Wenn das unappetitliche Innenleben auch des letzten Ritzenschiebers Gegenstand von Dissgertationen und Bestsellern ist, möchte man schließlich wohlrenommierten Kaisern ihr Plätzchen am mythischen Kamin gönnen. Aber lassen Sie es gut sein. Sobald Sie realisieren, daß der Mythos die kosmologische Fachsprache war, werden Sie einsehen, daß auch der herausragendste Kaiser, von Ramses bis Napoleon, schwerlich einen Vergleich aushalten kann mit dem, dessen irdische Stellvertreter die Imperatoren sind: dem Planeten Saturn, werde er nun Ptah geheißen, oder Enki, Huang ti oder Yama, Tane oder Izanagi.

Möglicher- oder sogar wahrscheinlicher Weise wird Ihr Haupteinwand in dem Hinweis auf den Trojanischen Krieg bestehen, aber auch da muß ich Sie enttäuschen. Der Kampf um Ilion war ein ausgemacht kosmischer Vorgang; er markiert das Ende des vierten, des heroischen Weltalters des Hesiod, des Weltalters, während dessen die Pleiaden das Frühlingsäquinoktium regierten. Was nicht ausschließt, wohlgemerkt, daß ein terrestrischer Krieg um die eine oder andere Schicht von Tepe Hissarlik stattgefunden hat; jedem uranographischen topos oben entspricht ein geographischer topos unten. Was indessen die antiken mythographischen "Dichter" in zahlreichen Versionen abgehandelt haben, war der kosmische, der uranische Krieg. Und das bringt uns zu dem vorläufig letzten Gesetz:

§ 7. Unsere moderne Auffassung von "Dichtung" und von Poeten ist auf alte Zeiten nicht anwendbar; insbesondere nicht die, ein Dichter erfinde seine features eigenköpfig, und es stehe, obendrein, völlig in seinem Belieben, in welcher Form er sie dem Hörer anbiete. In Wirklichkeit haben wir es nicht mit den Produkten freischaffender Phantasiebegabter zu tun, die dann ein Dichter oder Barde dem anderen klaut, bloß weil er sie hübsch findet oder publikumswirksam. Damit soll nicht insinuiert werden, unsere Spezies ermangele der Phantasie; so arg ist es nicht, und Künstler aller Sparten bedienen sich dieser Gabe im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Mit anderen Worten, es gibt mannigfaltige Stile und Stilmittel. Solches in Abrede zu stellen, liefe auf dasselbe hinaus, wie wenn einer die Existenz und die Relevanz allen Fleisches leugnen wollte und sich darauf versteifte, einzig das Skelett sei der Beachtung wert. Solchen Unfug werden wir also bleiben lassen. Da jedoch, umgekehrt, die Schriftgelehrten angesichts so vielerlei blühenden Fleisches das Skelett nicht nur nicht wahrnehmen, sondern dessen Existenz leugnen, muß hier dick unterstrichen werden, daß hinter Epen und Tragödien, hinter Siegelzylindern und Vasenbildern, Ornamenten, Tänzen, Rennen und Brettspielen usw. ein kräftiges Skelett solider Fakten steckt, und daß dazumal keine Nachfrage nach sog. freischaffenden l'art Pour l'art Produzenten bestanden hat.

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Wenn Sie das erst einmal begriffen haben, brauchen wir uns über die so häufig beschworene "mythenschaffende Poesie", die angeblich der Volksseele mühelos entquillt, garnicht erst zu unterhalten. Die Dichter alter Zeiten waren überaus gelehrte, in der Astronomie bewanderte Leute. Desgleichen erübrigen sich, hoffe ich, Schutzparagraphen wider die Mytheninterpretationen der Psychoanalytiker, ob Freudscher oder Jungscher Prägung, oder wider die schwachsinnigen, wennschon für den Autor höchst einträglichen Emanationen des Herrn von Däniken. Daß der letztere einen so globalen Erfolg für sich verbuchen kann, ist ein prächtiger Gradmesser für die generelle Verdummung, die der Evolutionismus gezeitigt hat: ehe unsere evolutionistisch erzogenen Zeitgenossen einräumen, daß Ägypter, Mesopotamier, Maya etc. mindestens so gescheit waren wie wir und nicht nur über taugliche Ingenieure, sondern über sachkundige Astronomen und Mathematiker verfügten, ziehen sie es vor, den Bau der Pyramiden und dgl. auswärtigen Astronauten in die Schuhe zu schieben. Extragalaktische Wundertäter werden instinktiv genialen Ägyptern vorgezogen; denn wo bliebe andernfalls das erhebende Gefühl, es doch so herrlich weit gebracht zu haben, und die beruhigende Aussicht auf unaufhaltsamen Fortschritt zu besserem und besserem Leben?

Das kleinste gemeinschaftliche Vielfache der Spielregeln ist die, wennschon ungehobelte Aufforderung, zu d e n k e n , anstatt sich von den 1001 Klischess einlullen zu lassen, die Ihnen Lehrbücher und unsere unterbelichteten Massenmedien andienen. Wenn Sie sich kontinuierlich bewußt halten, daß
a) jedwede Kultur, mit der Sie sich befassen, ursprünglich von Ihresgleichen, korrekter: von Proto-Einsteins, stammt und nicht von Besitzern von Schimpansengehirnen,
b) daß Einsichten in gleichwelche Naturprozesse notwendiger Weise in einer spezifischen Fachsprache formuliert werden müssen, so sind Sie vor allergröbsten Fehlurteilen halbwegs gefeit.

Zu diesen Einsichten muß indessen noch etwas deutlich gesagt werden, über das hinaus, was wir schon festgestellt haben, daß es nämlich "naheliegende" Entdeckungen und Erfindungen nicht gibt. Sind sie erst gemacht, kommen sie männiglich "natürlich" vor, weil man halt immer klüger ist, wenn man vom Rathaus kommt. Dieser Punkt ist von besonderer Wichtigkeit, weil gerade das Nicht-Ermessen wissenschaftlicher einmaliger Leistungen zur Konzipierung unhaltbarer Geschichtsbilder geführt hat, zu einer Verkennung des Kulturgefälles und letztlich zu dem heute vorherrschenden stupiden Optimismus oder, wie Stanislav Andreski (Social Sciences as Sorcery, 1973) sich ausgedrückt hat, "the advanced state of cretinization of our civilization" (p.17)(link2). Sie können sich die, für den Kulturhistoriker und Naturwissenschaftshistoriker folgenschwerste Miß-Konzeption selbst ausrechnen: wenn Sie erstrangige naturwissenschaftliche Einsichten zu "angeborenen", "naheliegenden", stempeln - denken Sie nur an den paläolitischen kleinen Moritz, der seine Augen sinnend erhob, worauf ihm die Planeten nicht entgehen konnten - wenn Sie also grundlegende Erkenntnisse für auf der Hand liegende erachten, so halten Sie es beinahe für selbstverständlich, daß alle Erfindungen und Entdeckungen unabhängig voneinander zig mal gemacht worden sind, speziell unabhängig voneinander in der Alten Welt und in Amerika. Ermessen Sie jedoch, wie überaus rar neue Einsichten und neue Technologien sind, so werden Sie automatisch zu einem sogenannten Diffusionisten.

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Wir wollen das so scharf wie möglich fassen, ja wir müssen es tun, weil Ihnen häufig, bevorzugt in fatalen Fernsehprogrammen, versichert wird, es gebe zwei "Schulen" oder "Richtungen" zwischen denen man sozusagen frei wählen könne, so als seien sie gleich viel wert und gleichberechtigt, nämlich der Diffusionismus und die Lehre von der zig mal wiederholbaren, unabhängigen Erfindung von Kulturelementen aller Schwierigkeitsgrade; ich nenne diese Knaben bei dem, grammatisch natürlich unzulässigen, Namen, "independent inventionalists". Der Diffusionismus heißt in Deutschland "Kulturhistorische Ethnologie", die independent inventionalists nennt man Social Anthropologists, zuweilen auch Kulturanthropologen. Social Anthropologists sind unheilbare Evolutionisten, meist ohne sich dessen bewußt zu sein: ihre Aufmerksamkeit gilt ausschließlich dem gesellschaftliche Behaviour des Nackten Affen, und so schrumpfen sie zu zweidimensionalen Kreaturen; die historische Dimension liegt außerhalb ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, d.h. Geschichte ist für sie ein leeres Wort, eines, das keinerlei "message" enthält, sondern nur "noise". Infolgedessen sind sie ungemein erfolgreich und "in", denn keine Gedankenhürden verstellen ihnen den Weg zu ihrem Ziel, dem hemmungslosen output tellerhafter Publiktionen und der Ausbreitung ihres ekelerregenden Jargons. Wohingegen es dem Kulturhistoriker obliegt, herauszufinden, wann und wo, in welchem Kontext, ein bestimmtes Kulturelement, eine Verfahrensweise, eine Entdeckung, Gestalt gewonnen hat, und auf welchen Wanderwegen einzelne Kulturelemente oder aber ganze Kultureng sich rund um unseren Globus herumgesprochen haben. Das ist ein ungleich schwierigeres und ein zeitraubendes Unterfangen, weswegen es weniger Anklang findet. Öffentliche Akklamation indessen, oder Ablehnung durch eine Mehrheit, besagen nichts über die Richtigkeit, den Wert, den Wahrheitsgehalt einer Konzeption; wissenschaftliche Theorien sind keine politischen Parteiprogramme, die zur Wahl gestellt werden. Ihr Wahrheitsgehalt muß, anders als in der Politik, überprüfbar sein; eine historische Theorie muß eine einsehbare Erklärung für den gegenwärtigen Zustand der verschiedenen Kulturen liefern.
Speziell muß sie eine Erklärung liefern für die sogenannten "Ethnographischen Parallelen", d.h. die verblüffenden Übereinstimmungen im Kulturinventar von weit von einander entfernt lebenden Populationen. Wenn Sie von allen Ihnen über den Weg laufenden ethnographischen Parallelen Verbreitungskarten anfertigen, so werden Sie nach eine Weile bemerken, daß bestimmte Häufungen von Übereinstimmungen auftreten, daß Sie etwa rechteckige Giebeldachhäuser mit bestimmten Formen der Feldbestellung, mit spezifischen Geheimbünden und Initiationsformen und mit matrilinearer Erbfolge vergesellschaftet finden und dgl. mehr. Es besteht keinerlei funktionale oder geographische Notwendigkeit zu solcher Vergesellschaftung: Sie könnten genau die gleichen Agrikulturmethoden anwenden, wenn Sie in Kuppeldachhäusern wohnten und einem patrilinearen Familiensystem huldigten. Je mehr gemeinsame Faktoren, die funktional voneinander unabhängig, und die von den geographischen Gegebenheiten nicht diktiert sind, desto sicherer dürfen Sie sein, daß diese Kulturen zusammenhängen, daß entweder die eine direkt von der anderen abhängt, oder daß beide auf eine dritte zurückgehen.

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Unsere ethnologischen Großväter und Väter haben sich der Anstrengung unterzogen, stattliche Mengen solcher Verbreitungskarten auf die Beine zu stellen einige wenige wackere Zeitgenossen tun dies auch heute noch und sie haben auf diese Weise ein erdrückendes Beweismaterial für die Diffusion zusammengetragen, d.h. erdrückend für jeden, der das Material zur Kenntnis nimmt. Die Social Anthropologists ziehen es vor, das Beweismaterial nicht zur Kenntnis zu nehmen, nach dem schönen Motto: "My mind is made up, don't confuse me with facts". Diese Vogelstraußpolitik trägt sicherlich zum seelischen Wohlbefinden der obstinaten Zunft bei, aber sie darf schwerlich als Beweis für die Lehre von den independent inventions akzeptiert werden. M.a.W. von gleichberechtigten Schulen oder Theorien kann gar keine Rede sein, sondern nur von einer richtigen Theorie, der der Diffusionisten, und von einer falschen, der der independent inventionalists.

Da wir es hier mit der Geschichte der Naturwissenschaften zu tun haben, die nicht deckungsgleich ist mit der kulturhistorischen Ethnologie, noch auch mit der vergleichenden Mythologie, und da wir uns an die oben angeführten Gesetzesparagraphen halten, müssen wir zusätzliche Fragen aufwerfen. Wir müssen nach dem S i n n von Institutionen und Mythen fragen. Ich will nicht behaupten, Ethnologen und vergleichende Mythologen stellten die Sinnfrage prinzipiell nicht, zuweilen tun sie das, aber da ihr Unterbewußtsein nach wie vor evolutionistisch reagiert, ist ihre Sinnerwartung minimal. Daher der große Erfolg des multinationalen Fertility Kartells, will sagen, der Deutung gleichwelcher Kulte als Fruchtbarkeitsriten, obwohl es jedem denkenden homo sapiens in die Augen springen müsste, daß es sich bei besagten Fruchtbarkeits-Riten um untaugliche Mittel zur Erreichung höherer Ackererträge handelt, ein Umstand, der auch den sog. "Primitiven" auf die Dauer nicht verborgen geblieben sein könnte. Aber Förderung der Fruchtbarkeit, ob pflanzlicher, tierischer oder menschlicher, scheint Ethnologen und Philologen der einzig denkbare zureichende Grund für gleichwelche absurde Aufführung seitens der angeblich so primitiven alten Völker zu sein. Zu Deutsch: die Primitivität liegt allemal im Auge des Betrachters und nicht in den beobachteten Phänomenen.

Kulturhistorischen Ethnologen und vergleichenden Mythologen ist nicht entgangen, daß eine wahre Unzahl von sog. Märchentypen und von mythischen Motiven sich in übereinstimmenden Formen in allen Kontinenten nachweisen lassen, und sie setzen selbstverständlich voraus, es habe eine historische Verbindung zwischen den Erzählern der Märchen und den Benutzern der Mythen Motive bestanden. Dies um so mehr, als die Mythen Motive beileibe nicht gleichmäßig verbreitet sind, sondern nur in ganz bestimmten Kulturprovinzen in diesem und jenem Kontinent. Im letzten Winter z.B. fanden wir genügend Grund zur Verwundernis angesichts der merkwürdigen Verbreitung der Motive vom Sonnenschlingenfang, Pfeilkette und Erd-Tauchen nach der Sintflut.

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Der nackte Umstand, daß man "Motive" oder auch "Mythologeme" nennt, was von Rechts wegen "Formeln" heißen müßte, verrät die ganze Misere der komparativen Mythologie; sie wagen es nicht, Formeln ins Auge zu fassen, nicht nur, weil Formeln für ein Prärogativ der exakten Naturwissenschaften gelten, und Wissenschaft darf nicht sein, sondern auch, weil der Begriff "Formel" kategorisch verlangt, daß nach der Bedeutung des in Formeln gefaßten Inhaltes gefahndet werde, nach einem zureichenden Grunde für ihr Vorhandensein - zureichende Gründe aber dürfen erst recht nicht sein. (Ich pflege die diesbezügliche Geisteshaltung der Schriftgelehrten "Parzival Komplex" zu nennen. Parzival wurde, wie Sie wissen, von seiner Mutter dazu anghalten, auf keinen Fall jemals "warum" zu fragen). Infolgedessen verfügen wir über eine Anzahl von durchnumerierten Indices von Mythen Motiven und Märchen Typen (Antti Aarne, Stith Thompson, J.Balys u.a.), die fraglos nützlich sind, wenn man der Verbreitung einer Formel nachjagt, aber man fragt sich doch, was eigentlich damit gewonnen sei, solange es ganz im Dunklen bleibt, warum und zu welchem Ende man sich in alter Zeit so unerhört viele "Motive" zurechtgebastelt hat.

Ergänzung zu Blatt 12:

Es wurde eine Reihe von Verordnungen erlassen, die Ihnen dabei behilflich sein sollen, eine Kollektion von Balken aus Ihren Augen zu entfernen, die Ihre Wahrnehmungsfähigkeit empfindlich beeinträchtigen, und die Sie dazu anstiften mögen, zu denken, anstatt sich mit dem zeitüblichen Jargon abzufinden. Insonderheit wurden Sie dazu aufgefordert, sich stets bewußt zu halten, daß jedwede Kultur von unsresgleichen und nicht von Affen stammt, sintemalen Evolution und Kulturgeschichte zwei grundsätzlich verschiedene Phänomene sind, und daß gleichwelche naturwissenschaftliche Erkenntnisse in einer spezifischen Terminologie verlautbart werden müssen, nicht, weil Naturwissenschaftler besonders tückische Gesellen wären, sondern weil unsere Sprache so wenig zur Wiedergabe naturwissenschaftlicher Fakten taugt. Und da sind Sie erst einmal gebeten, sich über Ihren eigenen Umgang mit der Sprache ein paar Gedanken zu machen, wie etwa darüber, bis zu welchem Grade ein Kontext Ihre Rede determiniert, d.h. wie viel Sie ungesagt lassen, weil in einem bestimmten Kontext sich zahlreiche Wortbedeutungen von selbst verstehen. In einem politischen Gespräch meint "der Vatikan" etwas anderes, als wenn Kunsthistoriker von Gemälden reden, und in welchen Museen sie hängen; politisch ist "das Pentagon" gründlich verschieden von dem Pentagon, über das Mathematikhistoriker sprechen. Darüber hinaus ist es erforderlich, sich darüber klar zu sein, mit welcher Selbstverständlichkeit wir uns aller Arten von "Projektionen" bedienen, in der stillschweigenden Annahme, der Gesprächspartner werde das Nicht Gesagte in Gedanken ergänzen. Wenn einer von "Radius" redet, verstehen Sie den Kreis gleich mit; wenn einer sagt, die Sonne stehe jetzt in den Pisces binnen kurzem aber werde sie im Aquarius stehen, so wird von Ihnen erwartet, daß Sie ergänzen "am 21.März"; tun Sie das nicht, wird Sie der Partner für unterbelichtet halten, und mit Recht. (Die oft gebrauchte Redensart ist nichts desto weniger falsch: es handelt sich nicht um "stehen in", sondern um den heliakischen Aufgang von Pisces und Aquarius). Sie alle kennen die scherzhafte Testfrage: "Was ist eine Wendeltreppe?" In 95 % der Fälle malen die Befragten mit dem Zeigefinger eine Spirale in die Luft und sagen äußerstenfalles: "die geht so". Wollten Sie daraus den Schluß ziehen, 95 % Ihrer Mitmenschen wüßten nicht, was eine Wendeltreppe sei, so wären Sie übel beraten. Wenn aber die sprachliche "Erfassung" einer Spirale uns schon zu schaffen macht, so läßt sich leicht ausmachen, was für niederträchtige Schwierigkeiten jeder zu gewärtigen hat, der sich in normaler Sprache über Kugeln mitteilen will, über Winkel einander schneidender Großkreise und dgl. mehr. Die entziehen sich unseren sprachlichen Absichten von vorneherein; unseren zeichnerischen Absichten bekanntlich auch. Wir müssen schlechterdings auf die Fläche projizieren, und der Betrachter hat die unterschlagene Dimension in Gedanken zu ergänzen. Daran sind wir gewöhnt, und auch daran sind wir gewöhnt, daß größere, unhandliche Zeitspannen in kleinere hineinprojiziert werden, und keiner denkt sich etwas dabei, wenn das Leben Christi in ein Sonnenjahr gepfercht wird, wie das der Festkalender tut. Aber der Tatbestand, daß die S a c h e der Naturwissenschaften aller Zeiten und wo auch immer des Vehikels einer Fachsprache und des Prinzips von Projektion bedarf, dieser Tatbestand wird geflissentlich übersehen; die hinterlassenen Texte unserer fernen Vorfahren werden ganz buchstäblich "beim Wort" genommen, und nichts wird in Gedanken ergänzt und mitverstanden.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen beläufig nahelegen - falls sie daran interessiert sein sollten, sich über die Diktatur zu informieren, welche die Strukrut, will sagen : die Grammatik, der indogermanischen Sprachen auf unser aller Denken ausübet - sich in das opus von Benjamin Lee Whorf zu versenken: Sprache Denken Wirklichkeit Rowohlt Verlag, Hamburg 1963, S.122ff. Wir hatten dann über die richtigen Theorien der kulturhistorischen Ethnologie, alias der Diffusionisten, und über die falschen der Social Antbropology, alias der "independent inventionalists" gesprochen und von Nutz und Frommen diverser Indices von sog. Mythen Motiven, worinnen Sie jeweils nachschlagen können, welches dieser "Motive", die man besser "Formeln" nennte, wo vorkommt mit Literaturangaben, wie sich versteht.

Ende der Ergänzung

Nehmen wir zwischenhinein mal ein kleines praktisches Beispiel an die Reihe. Der griechische Mythos kennt ein göttliches oder dämonisches Individuum namens Marsyas, und dieser Marsyas war ein berühmter Flöten- oder Pfeifenbläser, der sich in einem Anfall von Tollkühnheit auf ein Wett-Musizieren mit dem Leier-Spieler Apollon einließ. Nach dem Urteil der göttlichen Jury unterlag Marsyas in diesem "Quiz" und wurde zur Strafe von Apollon geschunden, d.h. es wurde ihm die Haut abgezogen. (Der Sieger Apollon zerbrach seine Leier in einer Anwandlung von Reue, und eine neue Leier der Weltharmonie mußte beschafft werden). In Mexiko gab es einen mächtigen Gott, genannt der Rote Tezcatlipoca, u n d genannt Xipe Totee, d.i. "Unser Herr der Geschundenem". Derjenige irdische Krieger, der dazu ausersehen war, während eines ganzen Jahres den Roten Tezcatlipoca, alias Unseren Herren den Geschundenen, darzustellen, der mußte während dieses Jahres fortwährend Flöte blasen, bis zum Tage seiner Opferung.
Nun, was das rein historische Argument anlangt: falls Sie dafür halten sollten, "the similarity of the working of the human mind" bilde eine hinreichende Begründung für die Verbindung von Schinden und Flöte blasen, so rate ich Ihnen, unverweilt das Weite zu suchen und sich in das Heer der Social Anthropologists einzureihen. Was unsere, darüber hinausgehende, spezifische Fragestellung angeht, so ist uns mit der Annahme oder gegebenenfalls des Nachweises eines historischen Zusammenhanges allein noch nicht gedient. Wir gehen davon aus, daß wir es mit einer Kombination von Formeln zu tun haben, die zu den konstituierenden Charakteristica eines sog."Gottes" gehören, will sagen: eines Planeten. Im vorliegenden Falle ist es für einen, der sein vergleichendes Material einigermaßen kennt, nicht besonders schwer, den "Schuldigen" festzunageln: es handelt sich um den Mars.

Auch mit dieser Feststellung ist noch nicht viel Staat zu machen, aber Sie gewahren, worauf es prinzipiell ankommt: Nachdem man rund ein Jahrhundert damit verbracht hat, ethnographische Parallelen und Mythen-Motive zu registrieren und die Wanderwege festzulegen, entlang denen sie verbreitet wurden, ist die Zeit gekommen, das Augenmerk auf die Bedeutung der so emsig ausgebreiteten Kulturelemente und sog. Mythenmotive zu richten und sich zu fragen, was denn eigentlich "Tradition" meine, und warum eine Population von einer anderen Kulturelemente und Mythen übernommen hat.

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Bei der Übernahme von Errungenschaften wie dem Ackerbau, dem Reiten, der Metallurgie scheint der zureichende Grund, in der Tat, auf der Hand zu liegen: diese Errungenschaften sind eminent praktisch, wenn auch gesagt werden muß, daß bei weitem nicht alle uns praktisch erscheinenden Methoden überall adaptiert wurden oder werden; Sie brauchen da nur an die vieldiskutierten heiligen Kühe, Ratten, Schlangen im heutigen Indien zu denken, die einer, in unserem Sinne praktischen und vernünftigen Landwirtschafts-und Ernährungspolitik im Wege stehen. Zu berücksichtigen ist ferner, daß auch früher die Erfinder oder Besitzer von ausgemacht nützlichen Techniken nicht darauf erpicht waren, ihre Rezepte unter die Leute zu bringen: wenn die was wollten, sollten sie gefälligst Fertigprodukte einhandeln. So scheinen es die hurritischen Chalder vom Reiche Urartu im Kaukasus fertig gebracht zu haben, ihr Rezept der Stahlfabrikation für eine beträchtliche Zeit geheim zu halten.

Von besagten nützlichen Innovationen aber abgesehen: Mythen und Kulte können schwerlich eines praktischen Vorteils wegen übernommen worden sein. Warum haben sie dann aber eine weltweite Verbreitung gefunden? Eines ist gleich im Vorhinein zu betonen: i s t eine Tradition einmal akzeptiert, so bleibt sie in der Regel, d.h. wenn keine umwälzenden politisch historischen Störungen dazwischenkommen, unbefragt erhalten, auch wenn keiner mehr weiß, was "es bedeuten soll". Ein Ihnen geläufiges Beispiel: auch heute noch droht man unartigen Gören, sie kämen nicht in den Himmel, wenn sie sich nicht besserten; keiner der also Drohenden hat mehr eine Ahnung, was hinter dieser "Himmels"- Konzeption steckt, die geradenwegs in das Jungpaläolithikum zurückzuverfolgen ist. Einmal Akzeptiertes also dauert, aber warum sind überhaupt irgendwann einmal anderer Leute Traditionen von ungezählten Populationen akzeptiert und sanktioniert worden? Diese Frage muß von jedem gestellt werden, der es sich abgewöhnt hat, mit Einfaltspinseln und primitiver Wilden am Anfang einer Kultur zu rechnen, und es gibt darauf wohl nur eine Antwort: diese Traditionen müssen, um erst einmal adaptiert worden zu sein, etwas "geleistet" haben, sie haben Sinn machen müssen. Nicht nur mußten sie imstande sein, die Welt einleuchtend zu interpretieren, sie mussten darüber hinaus dem Menschen seinen Platz in dieser Welt anweisen und ihm sein Leben, wennschon nicht besonders leicht erträglich, so doch einsehbar zu machen.

Solches vermag nur eine Kosmologie zu leisten, und weil es an dem ist, war und ist weder dem Christentum noch dem Kommunismus ein ähnlicher Erfolg beschieden, wie ihn der Verbreitungsbefund der jungpaläolithischen und der Hochkultur bezeigt. Beide, nennen wir sie bei dem irreführenden Wort "Weltanschauungen", waren und sind auf Teilaspekte fixiert: die einen auf das Heil der sog.Seele und auf die Moral, die anderen auf die Wirtschaft; beide aber haben nichts anzubieten, was zum Verständnis des Weltganzen und zu einer sinvollen Einordnung des Menschen in dieses Weltganze beitragen könnte. Zu einem dauerhaften globalen Erfolg reicht es bei beiden nicht, aber ein solcher ist heute wohl überhaupt undenkbar geworden, weil es einen Kosmos nicht mehr gibt. Was die heutigen Astrophysiker Kosmologie heißen, hat mit einem Kosmos, wie man ihn Jahrtausende hinduch verstanden hat, beinahe nichts mehr gemein. Ein bis zur Unkenntlichkeit geschrumpfter und verbeulter Rest alter Kosmologie ist allerdings mitten unter uns in Ost und West erhalten geblieben und scheint, allen energischen Anfeindungen zum Trotz, nicht tot zu kriegen zu sein: die Astrologie.
Der langen Rede kurzer Sinn: Mythen müssen ernst genommen, Traditionen auf ihre ursprüngliche Bedeutung hin untersucht und verglichen werden, bei welchem Vergleich die Ergebnisse der kulturhistorischen Ethnologie zu beherzigen sind, und zwar die der neueren Kulturhistorie, über die noch ein paar Worte zu sagen sind, weil sich die Ansichten über die consecutio temporum gewandelt haben.

Ende der Spielregeln

Entnommen aus der Vorlesung: Einführung in die Archaische Kosmologie (WS 1976/77)

 

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